Die Rezeption der NATO-Entscheidung zur Osterweiterung in Rußland (Besprechungsaufsatz) moreNeue Politischer Literatur, vol. 47, no. 3 (2002), pp. 467-473. |
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Foreign Policy Analysis, Russian Politics, American Foreign Policy, NATO, Post-Soviet Regimes, and American Foreign Policy in the post-Soviet space
Berichte liber das internationale Schrifttum
Sonderdruck 2002
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Die Rezeption der NATO-Entscheidung zur Osterweiterung in
RuBland
Andreas Umland
Mit seinem Buch "RuBland im Angesicht der NATO-Expansion" legt der kanadische RuB-
landexperte J.L. Black einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die Zukunft der NATO vor.1
Das Buch stellt eine umfassende Analyse der russischen Reaktionen auf die NATO-
Beschlilsse zur Osterweiterung und zu den "Out-of-Area"-Einsatzen bis circa Mitte 1999 dar.
Es scheint sich als solches insbesondere an westliche Entscheidungstrager, die mit der
NATO-Ostpolitik betraut sind, zu richten.
Defragmentierung des russischen politischen Spektrums
Blacks dichte, wohlstrukturierte und -kommentierte Sammlung von Zitaten russischer
politischer Personlichkeiten und von Umfrageergebnissen vermittelt den Eindruck, daB die
Riickwirkungen der NATO-Osterweiterung in RuBland womfiglich sicherheitspolitisch nicht
weniger bedeutsam, als die Erweiterung selbst sind. Die Entscheidung des Westens, sich nicht
mehr an eine scheinbar 1990 gegeniiber der Sowjetfuhrung miindlich gegebene Zusicherung
zu halten, die ehemaligen Staaten des Sowjetblocks mit Ausnahme der DDR nicht in die
NATO einzuschlieBen (S. 22, 42, 52),2 hat nicht weniger als eine teilweise Restrukturierung
der russischen politischen Landschaft bewirkt. Illustriert wurde die Diskursverschiebung etwa
durch die Reaktion des auBenpolitischen Experten der gemaBigt prowestlichen Jabloko-Partei
und damaligen Vorsitzenden des Staatsdumakomitees fur intemationale Beziehungen
Vladimir Lukin, der 1995 verbittert feststellte: "[W]ir sind verraten worden" (zitiert auf S.
II)3. Aussagen wie diese blieben leider keine Einzelfalle im demokratischen Lager. Black
weist in seinem Buch nach, daB "nun das gesamte politische Spektrum, ob [die jeweiligen
Politiker] tatsachlich daran glauben oder nicht, die NATO-Expansion als eine Verschworung
gegen RuBland behandelt" (S. 41).
Der wiederholte, hyperbolische Gebrauch der "DolchstoB"-Metapher durch verschiedene
russische Kommentatoren in diesem Zusammenhang (S. 14, 49) scheint hier insofern nicht
vollkommen unangebracht, als die NATO nach den diplomatischen "Flitterwochen" mit der
prowestlichen russischen Fuhrung der friihen Neunziger mit ihrer Entscheidung zur
Ostausweitung den russischen Demokraten quasi in den RUcken fiel. Deren anschlieBende
Verunsicherung wurde zum Beispiel bei einem Besuch eines der fuhrenden, jungen
Hoffhungstrager des Westens, Boris Nemcov, 1998 in Deutschland deutlich: Nemcov
bezeichnete die NATO-Osterweiterung als "Wahnsinn" und beschuldigte die NATO, einen
zweiten "Eisemen Vorhang" in Europa zu schaffen (zitiert auf S. 85).4
Derart schrille Stellungnahmen russischer Demokraten wirken weniger unverstandlich,
wenn man bedenkt, daB die NATO mit ihrer Erweitungsentscheidung in den Augen vieler
Russen ihr feindseliges Verhaltnis gegeniiber RuBland restauriert hat: von der Konfrontation
"Freiheit versus Kommunismus" zur Gegeniiberstellung "Western Kontra RuBland". Zwar ist
diese Interpretation offensichtlich falsch; Black betont jedoch zu Recht, daB die Perception
der NATO-Politik in RuBland letztlich nicht weniger wichtig als deren tatsachliche
Intentionen ist: "Die Erklarung, daB das Wachstum der NATO eine Fortsetzung des
historischen Wettbewerbs zwischen Ost und West ist, mag unkorrekt sein; aber fur emiedrigte
Russen klingt sie glaubwiirdig" (S. 239). Aus diesem Grund benutzt Black fllr die Kon-
Neue Politische Literatur, Jg. 47 (2002) © Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt a. M 467
zipierung der Problematik Uberwiegend den im russischen politischen Tagesgeschaft
gebrauchlichen Terminus "Expansion" anstatt der im Westen Ublichen Begriffe "Erweiterung"
(broadening beziehungsweise enhancement) oder "VergroBerung" (enlargement) (S. 1).
DaB die Mehrheit der russischen Beobachter den Grund fur den kostspieligen EinschluB
Mittelosteuropas in die NATO, vor allem in der Versicherung dieser Staaten gegeniiber
RuBland sieht, muB angesichts einiger offensichtlicher Widersprtiche zwischen bestimmten
Zugangsvoraussetzungen fur die NATO-Mitgliedschaft - z.B. die Beilegung von ethnischen
und Grenzkonflikten - und westlichen Argumentationsmustern fUr die Vorteilhaftigkeit eines
Einschlusses osteuropaischer Staaten in die Allianz - die Verhinderung eben solcher ethni-
scher und Grenzkonflikte - nicht weiter verwundern. Die NATO, so legt Blacks Studie nahe,
wird auf Jahre hinaus gegeniiber der russischen politischen Elite im Erklarungsnotstand sein
und sich nicht nur von russischer Seite Fragen nach dem genauen Zugewinn an interna-
tionaler Sicherheit durch die Osterweiterung gefallen lassen miissen.
Einige Begleitumstande der Erweiterungsentscheidung
Die wohl ungilnstigste Interpretation der weltpolitischen Bedeutung der Erweiterungsent-
scheidung ist, daB die NATO sich ihre neue Identitat auf Kosten der Integritat des prowest-
lichen Lagers im russischen politischen und publizistischen Spektrum erkauft hat. Dies
erscheint im Angesicht der unmittelbaren Vorgeschichte der Entscheidungsfindung nicht aus
der Luft gegriffen. Charakteristisch ist erwa Strobe Talbotts Wandel vom Saulus, der noch
1990 die Existenzberechtigung der NATO offentlich angezweifelt hatte (S. 2),5 zum Paulus,
der einige Jahre spater ihre Ostausweitung den russischen Partnem als unbedenklich anpries
(S. 32).6 So entsteht der Verdacht, daB spezifische Eigeninteressen der westlichen auBen-
politischen BUrokratie eine nicht unerhebliche Rolle im EntscheidungsprozeB gespielt haben -
wie auch Black an einer Stelle andeutet.7 Der Autor bemerkt zudem, daB "[e]s eine
erstaunlich geringe offentliche Debatte im Westen beztlglich der NATO per se gab, obwohl
doch die Grilnde fur ihre Schaffung mit [dem Verschwinden] der 'sowjetischen Gefahr'
verschwunden waren" (S. 238).
Bezeichnend ist ebenfalls, daB sich in der Frage der NATO-Osterweiterung kein partei-
Ubergreifender Konsens innerhalb des in auBenpolitischen Grundsatzfragen ansonsten ge-
wShnlich relativ geschlossen auftretenden US-amerikanischen Establishment einstellen wollte
und will. Zum Beispiel bezogen seit Mitte der 1990er so geachtete und kompetente
Beobachter wie Jack Matlock und Michael Mandelbaum sowie spaterhin auch die fllhrende
Tageszeitung "New York Times"8 mehr oder minder kritische Positionen bezilglich der Ost-
erweiterung. Einer der dienstaltesten demokratischen Senatoren, Daniel Patrick Moynihan,
versuchte 1998 den US-Senat davon zu uberzeugen, die Ratifizierung des NATO-Erwei-
terungsvertrages urn mindestens drei Jahre zu verschieben (S. 71).9 Bemerkenswert ist ein
offener Brief bekannter Politiker und Experten an Bill Clinton vom August 1997. Der Aufruf
wurde von so angesehenen Senatoren wie Bob Bradley, Sam Nunn, Gary Hart, Mark
Hatfield, Gordon Humphrey sowie von den ehemaligen Botschaftem Richard T. Davies,
Arthur Hartman und Jack Matlock, dem ehemaligen Verteidigungsminister Robert
McNamara, den Professoren Richard Pipes und Marshall Shulman sowie den Think-Tank-
Direktoren Susan Eisenhower und Edward Lurwark unterzeichnet. Der Appell bat Clinton urn
mehr Diskussion und Umsicht beztlglich der Idee einer NATO-Osterweiterung (S. 69).10
Vor allem aber macht die Bewertung des Doyens des US-amerikanischen auBenpoli-
tischen Establishments, George F. Kennan, auf sich aufrnerksam. Kennan, der einst den Be-
ginn des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion begrdndet hatte, meint nun, die Erweiterungs-
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:haft entscheidung sei "der schicksalhafteste Fehler des gesamten Zeitraums nach dem Ende des
mg" Kalten Krieges" und stelle den "Beginn eines neuen Kalten Krieges" dar (zitiert auf S. 71).'1
Black kommt in seinen abschlieBenden Bemerkungen sogar zu dem SchluB, daB die westliche
tiluB Indifferenz gegenuber den russischen Auffassungen und Reaktionen - unabhangig davon, ob
Iber diese Aussagen gerechtfertigt sind oder nicht - "womttglich der grOBte strategische Fehler des
Men Westens in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt." (S. 239)12 Paradoxerweise ahneln
Aen somit einige Statements prominenter westlicher Beobachter der NATO-Expansion den
mcs Kommentaren vieler russischer Nationalisten zur Erweiterungsentscheidung.
hni- DaB Prasident Bill Clinton den BeschluB zur Osterweiterung ausgerechnet auf einem
rfie, Wahlkarnpfauftritt vor mittelosteuropaischen Immigranten verkilndete, floBt ebenfalls kein
stin Vertrauen in den EntscheidungsfindungsprozeB ein. Uberdies machen einige Statements des
ma- US-amerikanischen AuBenpolitikexperten Zbigniew Brzezinski, der scheinbar einen gewissen
EinfluB auf die Entscheidungsfindung ausObte (S. 2-3, 238), stutzig.13 Brzezinski hatte im
April 1997 gefordert, die USA solle zur Sicherstellung einer Ratifizierung der Erweiterungs-
vertrage den Alt-NATO-Staaten verkUnden, daB im Falle ihrer Ablehnung neuer Mitglieder
dies als Ablehnung der USA verstanden wtirde (S. 45).14 Seine im selben Zusammenhang
vorgetragene Behauptung, die "russische Opposition gegenuber der NATO-Erweiterung nahrt
cnt- sich ausschlieBlich aus der Moskauer auBenpolitischen Elite und umfaBt nicht die russische
est- Offentlichkeit [...]",15 war bereits damals wenig hilfreich. 1st doch diese Elite nicht nur in
)ies RuBland bestimmend fur die Prioritatensetzung in der AuBenpolitik und wirkt - in RuBland
aus mehr noch als im Westen - meinungsbildend fur die Bevolkerung. Einer der sicherheits-
och politischen Sprecher der prowestlichen Jabloko-Partei warnte damit im Zusammenhang
his, bereits 1997, daB die scheinbare GleichgUltigkeit der russischen Offentlichkeit irrefuhrend sei.
ries Diejenigen einfachen Russen, die sich uberhaupt fur AuBenpolitik interessieren, seien
ten- vielmehr tief besorgt (S. 2-3).16
ai - Die angebliche GleichgUltigkeit der Bevttlkerung wurde dann auch durch spatere Umfra-
ine gen widerlegt. Entgegen einer NATO-Behauptung vom Friihjahr 1998, das Gallup Institut
ohl hatte herausgefunden, 48 Prozent der russischen Bevttlkerung beftlrworteten (!) die NATO-
inr1 VergrSBerung (S. 86-87), zeigte eine Anfang 1998 in der russischen Presse zitierte
Umfrage, daB circa 50 Prozent der Respondenten den EinschluB frUherer Sowjetrepubliken
tei- und 41 Prozent die Aufnahme jeglicher ehemaliger Warschauer Vertragsstaaten in die
ge- NATO ablehnten (S. 25). Der liberale Unternehmer und Politiker Konstantin Borovoj,
Ihe einer der wenigen Befllrworter der NATO-Osterweiterung, hatte schon Anfang 1997
nte Umfrageergebnisse zitiert, die besagten, daB der Prozentsatz der an NATO-Fragen interes-
»de sierten Russen zwischen 1994 und 1997 von 18 auf 80 gestiegen war (S. 28). Diese Trends
)st- ordnen sich in eine generelle Desillusionierung bei der Einschatzung westlicher Institu-
■n, tionen ein. Die Daten einer Umfrage, die in einem Artikel der Zeitung "Rossijskie vesti"
»ei- vom 15.4.1997 zitiert werden, etwa besagen, daB der Prozentsatz der Befllrworter des
ein westlichen Modells zwischen 1992 und 1995 von 56 auf 10 Prozent gefallen, wahrend
iuf derjenige der Befllrworter eines spezifischen "russischen Weges" im selben Zeitraum von
■rk 18 auf 51,5 Prozent gestiegen ist (zitiert nach S. 42). Eine Umfrage vom 17.10.1997 fand
ies, heraus, daB 85 Prozent der Russen behaupteten, iiber die Kosovo-Krise Bescheid zu
ert wissen, und 70 Prozent unterstlltzten den entschiedenen Widerstand Moskaus gegen eine
ik- militarische Einmischung der NATO (S. 153). Die "New York Times" schlieBlich zitierte
um am 14. Marz 1999 eine Studie des AllruBlandischen Zentrums fllr ttffentliche Meinung
(VCIOM), in der 1600 Russen befragt wurden, ob sie in der Erweiterung der NATO "eine
»■'- Gefahr ftlr die Sicherheit RuBlands" sahen. 41 Prozent der Respondenten iiber Vierzig und
31 Prozent derjenigen im Alter von 18-39 antworteten mit "Ja" (zitiert nach S. 108).
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Der Erweiterungsbeschlufi: Ein "russisches Versailles"?
Einzelne westliche Spekulationen, da/3 auch RuBland eines Tages Mitglied der NATO werden
konnte, werden wohl zu Recht von den meisten russischen (sowie westlichen) Kommenta-
toren bisher kaum ernst genommen.17 Daher ergibt sich fur viele Russen - bestarkt noch durch
die (freilich zu Recht) reservierte Haltung der Europaischen Union gegeniiber russischen
Beitrittsbegehren (S. 239) - der Eindruck, daB RuBland gezielt isoliert werden soil. DaB dies
eher Ausdruck traditioneller russischer Paranoia als ein Indikator tatsachlicher westlicher
Absichten ist, andert, wie Black richtig bemerkt, nichts am angedeuteten destruktiven innen-
politischen Effekt. Die russischen Reformer werden nach der allgemeinen Desillusionierung
mit Marktwirtschaft und Demokratie einmal mehr als Utopisten, wenn nicht Hochstapler,
vorgefuhrt. Ihr Versprechen eines raschen Anschlusses RuBlands an die sogenannte
"zivilisierte Welt" (civilizovannyj mir) im Falle russischer auBenpolitischer Konzessionen und
Ubernahme westlicher Institutionen ist, so impliziert Blacks Studie, durch die NATO-
Osterweiterung nachhaltig diskreditiert worden. Bleibt anzufugen, daB dies nicht die erste
Ambivalenz in den Effekten westlicher Osteuropapolitik auf innenpolitische Entwicklungen
in RuBland ist.18
Resultat ist die von Black hervorragend dokumentierte merkwtirdige Einstimmigkeit der
wesentlichen russischen politischen Krafte und Kommentatoren ausnahmslos aller relevanten
ideologischen Lager, die einheitlich - wenn auch aus verschiedenen Motiven - die NATO-
Osterweiterung entschieden ablehnen. Nicht nur Sprecher der schon erwahnten liberalen
Jabloko-Vereinigung wie Grigorij Javlinskij,19 Sergej Stepasin20, Vladimir Lukin21 oder
Aleksej Arbatov22 sondern auch - solche in der nationalistischen Presse gemeinhin als
"Lakaien des Westens" bezeichneten - PersOnlichkeiten wie Andrej Kozyrev23 oder Michail
GorbaCev24 haben sich teilweise mit nicht weniger klaren Worten als Vladimir Zirinovskij,
Gennadij Zjuganov, Sergej Baburin und andere Ultranationalisten gegen die NATO-
Osterweiterung und Intervention in Jugoslawien ausgesprochen (siehe zum Beispiel S. 8-9,
11, 21, 24, 29, 39, 40). Wahrend einige fuhrende, einst uberwiegend prowestlich eingestellte
Experten wie der Politologe Sergej Rogov (S. 18) verwirrende Stellungswechsel vollzogen,25
haben andere - wie zum Beispiel der in Deutschland geachtete Historiker VjaCeslav DaSicev26
- ihre Einstellung gegeniiber dem Westen, seinen Absichten und seiner RuBlandpolitik als
Folge der Erweiterungsentscheidung scheinbar auf Dauer neudefiniert (S. 19,28-29,41).
Interessanterweise wahlen beide Gruppierungen - Ultranationalisten und Westler - den
deutschen Faschismus als Bezugspunkt ihrer historisch-vergleichenden Illustrierung der
Implikationen der Erweiterungsentscheidung - wenn auch aus unterschiedlicher Perspective.
Wahrend die verschiedenen Rechtsextremisten die "NATO-Expansion" uberwiegend mit dem
deutschen "Drang nach Osten", Milnchener Abkommen oder Naziilberfall auf die UdSSR
vergleichen (S. 17, 49, 51, 58, 64-68), erkennen zumindest einige Zentristen und Demokraten
wie Javlinskij oder Gorbacev Parallelen zur innenpolitischen Entwicklung in der Weimarer
Republik (S. 24, 239-240). Javlinskij zum Beispiel warnte vor einem "politischen Erdbeben"
und AufstiegsmOglichkeiten fur "Clowns" wie Zirinovskij (S. 21). Der inzwischen ver-
storbene General Aleksandr Lebed meinte im Sommer 1997, die NATO begtinstige mit ihrer
"nichtendenwollenden Verletzung der Wiirde unseres Landes" die Entstehung gesellschaft-
licher Konflikte und "deformierter" politischer Parteien, wie man sie im Deutschland der
zwanziger Jahre fand (zitiert auf S. 59).
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"Ripple Effects" heute undmorgen
ten Dies alles kOnnte fur den Westen zweitrangig sein, waren da nicht die noch immer erhebli-
*a- chen auBenpolitischen Ressourcen RuBlands: das nach wie vor enorme Arsenal an Mas-
rch senvernichtungswaffen sowie der zunehmend exportorientierte militarisch-industrielle und
len -wissenschafliche Komplex, aber auch das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat, die geostrate-
Ses gische Bedeutung des Landes oder die gewaltigen Rohstoffreserven. So ist der zweite Teil
her des Buches den "Ripple Effects" der NATO-Ostausweitung in der russischen AuBenpolitik
en- gewidmet: erhOhte Anstrengungen zur Verwirklichung der russisch-weiBrussischen Staa-
ng tenunion, die Suche nach neuen strategischen Partnern fur RuBland auf der Weltbilhne
ter. (China, Iran, Irak, Jugoslawien), die Neuformulierung sicherheitsstrategischer Prioritaten
nte (bezUglich etwa der START II-Ratifizierung und START III-Verhandlungen), das intensi-
nd vierte Werben um engere Beziehungen mit der Ukraine sowie die generell verstarkten An-
O- strengungen zur Festigung und zum Ausbau der Gemeinschaft Unabhangiger Staaten. Hier
ste muB allerdings gefragt werden, ob all diese Tendenzen tatsachlich des AnstoBes durch die
!en NATO-Osterweiterung als notwendige oder gar hinreichende Bedingung bedurften. Mog-
licherweise hatte Black hier differenzierter vorgehen kOnnen. Andererseits ware die Bre-
fer douille, in die die NATO das russische Reformlager mit ihrer Entscheidung gebracht hat,
en einer womoglich noch ausfuhrlicheren Darlegung wert gewesen.
0- Ungeachtet dieser Bemerkung, stellt Blacks ernilchternde Analyse sowie Zitaten- und
en Quellensammlung eine wertvolle Bereicherung der Debatte um die kiinftige Sicherheits-
ler struktur Europas dar. Black schlieBt damit zumindest teilweise eine Lilcke, die viel zu lange
lis in den westlichen Diskussionen klaffte. Zwar kann von westlichen AuBenpolitikern kaum
»il verlangt werden, in ihrer Entscheidungsfindung auf diverse Pathologien der gereizten rus-
ij, sischen Psyche RUcksicht zu nehmen oder gar auf die legalistischen Spitzfindigkeiten
3- sowjetisch gepragter Diplomaten einzugehen. Jedoch muB sich der Westen des Preises be-
•9, ziehungsweise der Implikationen seines Wechsels hin zur Politik einer relativ unnachgiebigen
Ite Durchsetzung eigener Interessen gegentlber RuBland bewuBt werden.
25 RuBland, so sah Black bereits im Jahr 1999 vorher, wiirde nach der Osterweiterung und
26 den Interventionen der NATO in Jugoslawien eine Reihe ahnlicher KrOten zu schlucken ha-
ils ben. Weitere einseitige Anderungen der Spielregeln oder Reinterpretation friiherer Verein-
barungen durch den Westen sind, wie von Black vorhergesagt, die Kundigung des ABM-
xi Vertrages durch die USA und die bevorstehende Ausdehnung der NATO auf das Territorium
er der ehemaligen Sowjetunion. Die Reaktion der Bush-Administration auf den Terroranschlag
e. vom 11. September 2001 stellt sich damit in vieler Hinsicht weniger als ein grundlegender
m Wandel, denn als eine Verstarkung bereits zuvor erkennbarer Tendenzen in der US-ameri-
R kanischen AuBenpolitik dar, wie die Ankilndigung neuer Luftangriffe auf den Irak zeigt. Der
n Westen wird sicherzustellen haben, die Russen durch diese und andere Zumutungen nicht so
er weit zu entfremden, daB er ihr Vertrauen auf Dauer verliert. Blacks Buch macht die schon
i" aufgetretenen Risse deutlich. Da es nur wenige Ziele heutiger westlicher Sicherheits- und
r- AuBenpolitik geben diirfte, die wichtiger als die dauerhafte Konsolidierung der jungen rus-
T sischen Demokratie sind, scheint - so die wohl wichtigste Message von Blacks Studie - eine
1- sensitivere RuBlandpolitik der NATO in Zukunft angeraten.
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1 Joseph Laurence Black: Russia Faces NATO Expansion. Bearing Gifts or Bearing Arms? 263 S., Rowman
& Littlefield, Inc., Lanham/Boulder/New York/Oxford 2000.
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2 A. Krivopalov: Olivkovaja verv' NATO, in: Izvestip, 7.7.1990; Michael R. Gordon: The Anatomy of a
Misunderstanding, in: New York Times, 25.5.1997, S. E3.
3 Izvestija, 12.5.1995.
4 ITAR-TASS, 4.3.1998 und 8.3.1998.
5 Damals noch Redakteur des "Time"-Magazins, schrieb Talbott Anfang 1990: "Es ist an de Zeit, ernsthaft
darUber nachzudenken, die North Atlantic Treaty Organization letztenendes in Rente zu schicken." Strobe
Talbott: Rethinking the Red Menace, in: Time, 1.1.1990, S. 38-49.
6 Strobe Talbott: Why NATO Should Grow, in: The New York Review of Books, 10.8.1995, S. 27-30;
Christian Science Monitor, 27.10.1997.
7 Black schreibt zum Bespiel auf Seite 238: "Panels, conferences, symposia, and dinner speeches on the
subject of enlargement were common fare in NATO countries well before the actual admission of three
new members. These proceedings tended to be dominated by generals, admirals, senior bureaucrats,
academics and advisors to government agencies, many of whom had vested interests in the enhancement of
NATO."
8 5.3.1998 und 9.3.1998.
9 Daniel Patrick Moynihan: NATO Expansion and Nuclear War, in: ACE. Analysis of Current Trends, Bd.
10, Nr. 7/8, Juli-August 1998, S. 5-6.
10 Es mufi allerdings betont werden, da0 sich letztlich die Mehrheit des Washingtoner Establishments ftlr die
Erweiterung aussprach und die Ratifizierung der Vertrage unproblematisch verlief. Das Kaliber und die
politische Mannigfaltigkeit der US-amerikanischen NATO-kritischen Minderheit sowie die Begrundung
ihrer Position machen andererseits deutlich, daB eine pauschale Abstempelung von NATO-Kritik als
Verweigerungshaltung unbelehrbarer Altlinker, wie es in der deutschen Bundestagskontroverse zur Oster-
weiterung anklang, deplaziert ist.
11 New York Times, 5.2.1997 und 2.5.1998.
12 WOrtlich: "Shrugging off such sentiments [of the Russians that their rejection by the EU and WTO is
part of a larger process and that NATO expansion is a specific American attempt to keep them 'in their
place'], no matter if their premises are false, may well be the greatest strategic mistake made by the
West in the post-World War II years" (S.239).
13 Zbigniew Brzezinski: The Premature Partnership, in: Foreign Affairs, Bd. 73, Nr. 2, Marz-April 1994;
ders.: A Plan for Europe, in: Foreign Affairs, Bd. 74, Nr. 1, Januar-Februar 1995, S. 26-42; ders.: A
Geostrategy for Eurasia, in: Foreign Affairs, Bd. 76, Nr. 5, September-October 1997, S. 50-64; Zbigniew
Brzezinski und Anthony Lake: For a New World, a New NATO, in: New York Times, 30.6.1997;
Zbigniew Brzezinski: On to Russia, in: Washington Post, 5.3.1998.
14 Managing NATO Enlargement. United States Institute of Peace Special Report, April 1997.
15 Ebd.
16 Alexei Arbatov: As NATO Grows, Start 2 Shudders, in: New York Times, 26.8.1997.
17 Ein Sprecher des einfluBreichen Rates fur AuBen- und Militarpolitik, VjaCeslav Nikonov, etwa bewer-
tete die Chancen, daB die NATO RuBland als Mitglied aufnehmen wUrde als "nahezu Null." Radio
Rossii, 13.3.1997.
18 Dies betrifft etwa das unnOtig hohe MaB an politischer Unterstutzung durch die USA fur Viktor
Cernomyrdin innerhalb der Arbeit der Gore-Cernomyrdin-Kommission oder die anfangs eher ineffek-
tive, ja teilweise kontraproduktive Art und Weise der Vergabe von Hilfsgeldern. Die alles in allem
grOBte Fehlentwicklung war wahrscheinlich die fur lange Zeit zu starke Fokussierung der Aufmerk-
samkeit des Westens auf den Erfolg wirtschaftlicher Reformen und seine relative Nichtbeachtung des
tatsachlichen Standes und der Nachhaltigkeit politischer und rechtsstaatlicher Reformen in RuBland.
Siehe hierzu zum Beispiel Michael McFaul: Understanding Russia's 1993 Parliamentary Elections.
Implications for U.S. Foreign Policy. Hoover Institution on War, Revolution and Peace Essays on
Public Policy, Nr. 49, Stanford, CA 1994; und Aleksandr Janov: Posle El'cina. "Vejmarskaja" Rossija,
Moskau 1995.
19 Javlinskij sprach 1997 von der "Absurditat einiger Behauptungen russischer Politiker, daB die Ziele der
Nordatlantischen Allianz friedlich seien." Interfax, 4.4.1997. Es muB allerdings bemerkt werden, daB
der Jabloko-Fuhrer kurz darauf auBerte, die NATO-Osterweiterung wUrde "keine militarische Gefahr"
fur RuBland darstellen. ITAR-TASS, 6.5.1997.
20 StepaSin sagte in seiner ersten Rede als neuer russischer Premierminister vor der Staatsduma: "LaBt uns
offen sein... [die NATO-Luft-] Angriffe gegen Jugoslawien sind vielleicht nicht so sehr gegen
Jugoslawien gerichtet - sie sind ein Schlag gegen RuBland." ITAR-TASS, 19.5.1999.
21 Vladimir Lukin: Rossija i NATO. Vremja reSenii, in: Nezavisimaja gazeta, 13.2.1997.
22 Aleksej Arbatov: Nacional'naja ideja i nacional'naja bezopastnost', in: Mirovaja ekonomika i
mezdunarodnye otnoSenija, Nr. 5, Mai 1995, S. 5-21; Nr. 6, Juni 1998, S. 5-19.
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23 Andrei Kozyrev: The New Russia and the Atlantic Alliance, in: NATO Review, Februar 1993, S. 3-6.
24 GorbaCev sprach 1997 von der Aufnahme ehemaliger Warschauer Vertragsstaaten in die NATO als
einer "Zeitbombe unter Europa" beziehungsweise einem "Fehltritt" und bezweifelte, daC "RuCland sich
nichtzu sorgen brauche." Inferfax, 14.3.1997; ITAR-TASS, 2.4. und 16.4.1997.
25 Rogov vollzog scheinbar innerhalb nur weniger Monate einen 360-Grad-Wandel von "einer Stimme der
Vernunft" (Brzezinski) zum entschiedenen NATO-Ervveiterungsgegner und schlieClich zu einem der
ersten vorsichtigen Befurworter des NATO-RuCland Grilndungsaktes und Standigen Gemeinsamen
Rates im Mai 1997. Vgl. S.M. Rogov: Rossija i NATO, in: SSA, Nr. 10, Oktober 1996, S. 3-8, mit
seinen Kommentaren bei einem Moskauer Rundtischgesprach Anfang Februar 1997 (RIA Novosti 2.2.
1997, 11.2.1997; Budapest Nepszava 11.3.1997) sowie mit seinen Statements, in: Literaturnaja gazeta,
Nr. 21, 28.5.1997, S. 9; Izvestija, 28.5.1997; Rossijskie vesti, 31.5.1997.
26 V I Da5i6ev: Nacional'naja bezopastnost' Rossii i ekspansija NATO. Nauninyi doklad, Moskau 1996.
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